Meine letzte Zeit in Buenos Aires war gefuehlsmaessig sehr gespalten. Von Anspannung und Aufregung ueber (manchmal) Zweifel und ernste Zukunftsgedanken bis zu (meistens) tiefer Dankbarkeit und Freude vermischt mit Sentimentalitaet ueber das Erlebte und das gute Gefuehl, sich sehr auf Zuhause freuen zu koennen.
Gelegentlich fuehlte ich mich auch wie betaeubt in der Situation und unfaehig, ueberhaupt schon ueber alles nachdenken zu koennen - ich bin ja noch mittendrin!
Ein 19-jaehriger Ami hat, ohne es zu wissen, den letzten Tagen meiner Reise genau den Schliff gegeben, den so eine Zeit braucht.
Er ist ein witziger Typ, kennt man ihn nicht, wuerde man ihn eher in die Kategorie "Freak" einztufen (er sagte, in der war er auch seine gesamte Schulzeit durch). Er ist total nachdenklich, aber so gluecklich und mit sich selbst im Reinen, wie ich selten einen Menschen erlebt habe. Und dann wieder so voller aussergewoehnlicher Gedanken und Fragen an sich selbst und das Leben.
Er steht am Beginn seiner 6-monatigen Reise durch Suedamerika, ich am Ende meiner. Ein gute Ausgangsposition.
Am ersten Abend verstrickte er mich in eine Diskussion ueber den Sinn oder Nichtsinn des Lebens, gegen die ich mich erst wehrte, dann aber doch mitten drin steckte. Ergebnis war, wie ich es schon wusste, dass ich den restlichen Abend und naechsten Tag schlecht drauf und nachdenklich war.
An den folgenden Abenden folgten weitere Gespraeche ueber andere Themen, und er holte mich erfolgreich wieder aus dem Tief heraus (mal wieder ohne es zu wissen).
Er stellte genau die richtigen Fragen, die man zum Abschluss einer solchen Zeit braucht, ohne sie selbst formulieren zu koennen. Es ist so erleichternd und erfrischend, sie von einem anderen zu hoeren!
Ich konnte ueber vieles nachdenken, mit einigem, was mir noch auf der Seele lag, abschliessen und mir viele schoene Dinge wieder in Erinnerung rufen.
Er sagte inspirierende Dinge, die ich noch nie von einem anderen Menschen gehoert habe, und zeigte seine echt beeindruckende Einstellung - und das mit 19.
Ich bin selten so beeindruckt gewesen von einem Menschen!
Zum Abschied umarmten wir uns lange und ich stieg mit dem guten Gefuehl in das Taxi zum Flughafen, alles, was irgendwie mit dieser Reise zu tun hat, richtig gemacht zu haben.
Es ist gut, zum Abschluss wieder in Perú zu sein. Erst verfluchte ich mein Hamburg-Lima, Lima-Hamburg Flugticket, das ich eigentlich schon vor laengerer Zeit aendern wollte. Auskunft des Nordenhamer Reisebueros: geht nicht; Auskunft des Continental-Bueros: waere doch gegangen. Haeh?
Jetzt freue ich mich weniger darueber, in Lima zu sein, als mehr ueber meine zwei Tage in Perú, in denen mir so viele Erinnerungen an die Zeit in Arequipa und die Reisen durch Perú kommen.
Irgendwie fuehlt sich die trockene, heisse Limeñer Luft auf der Haut an wie die Arequipeñer, es riecht hier auch so (das liegt vielleicht auch nur an den Abgasen...?), gehe ich an offenen Kneipentueren vorbei, riecht es nach dem Killa, sehe ich die typischen kleinen Tico-Taxi-Autos, denke ich an die von gelben Taxen ueberflutete Stadt Arequipa, ich kann wieder Ceviche, Rocoto und all die typischen Gerichte auf Restaurant-Schildern sehen, "Cerveza Cristal"-Schilder lassen mich an die Fussball-WM denken, die hier von der Marke gesponsort wurde.
Ich sitze im Taxi und bekomme ploetzlich durch irgendetwas genau DAS Gefuehl, das ich in der damaligen Situation auch hatte. Meist ist es nur etwas belangloses, aber das damit verbundene Gefuehl ein sehr schoenes, entscheidendes. In dem Moment, in dem ich automatisch versuche, es zu fassen und zu halten, verschwindet es wieder. Und dann schaue ich um mich oder ueberlege und ich weiss, durch welches Detail es ausgeloest wurde. Dann wundere und freue ich mich gleichzeitig... da ich nicht wusste, dass mir dies so wichtig war und mir ueberhaupt solch schoenen Gefuehle bringen kann.
Durch diese Situationen faellt mir auch auf, wie sehr sich alle Laender, in denen ich war, voneinander unterscheiden. Unterschiede, die ich anfangs in Perú nicht geahnt haette, da ich ja nur Perú kannte. Und jetzt, nachdem ich etwas von drei weiteren Laendern kenne und hierher zurueck komme, merke ich, wie sehr ich Perú mag und wie sehr sich diese sechs Monate in Perú und all die Erlebnisse wirklich tief in mir befinden.
Ich genoss es ausserdem total, mit allen netten Taxifahrern zu quatschen und allen zu erzaehlen, dass ich bald nach Hause fliege! Das gleiche gilt fuer Hostelbekanntschaften: Alle reagieren mit einem "wow, seit 10 Monaten schon? Ja, da wuerde ich mich auch freuen".
Ich fuehl mich ein wenig wie der alte Reisehase hier, hach ist das witzig:)!
Es ist gleich 18.00, in 7 Stunden startet der Flieger. Ich geniesse diese Wartezeit total und noch mehr werde ich die Zeit im Flugzeug geniessen.
Ich moechte wie immer, wenn ich auf Reise bin, so wenig wie moeglich schlafen, um so viel wie moeglich von der Vorfreude und diesem Gefuehl "im nichts" mitzubekommen: Nicht nur zwischen zwei Kontinenten und in keinem Land zu sein, sondern auch auf dem Weg von einer Welt in die andere, und gleichzeitig mitten in der einen, einzigen grossen.
So weit so gut
07. 03. 2010 Köln, Hamburg, Köln, Hamburg, Köln, Hamburg, Köln, Hamburg...
Samstag, März 10, 2007
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