So weit so gut
Mittwoch, Januar 31, 2007
Wie die Loewen.
Ich habe, einige Monate bevor ich nach Peru ging, das Buch "Hoffnungstraeger" von Frances Moore Lappe gelesen. Lappe reiste mit ihrer Tochter ein knappes Jahr durch die Welt, um aussergewoehnliche soziale und oekologische Projekte zu besuchen und zu untersuchen, wie und warum diese funktionieren.
Es waren wirklich viele aussergewoehnliche Projekte dabei, aber mit am beeindruckendsten war fuer mich die Bewegung der Landlosen in Brasilien.
Kurz also einige Infos dazu, bevor ich weitermache:
Der MST ist eine Massenbewegung in Brasilien, welche sich für eine radikale Landreform einsetzt und darüber hinaus auch soziale und politische Forderungen stellt. Die Bewegung erhielt 1991 den Alternativen Nobelpreis.
Ursache ist die extrem ungleiche Landverteilung in Brasilien, wo etwa 10 % der Bevölkerung rund 80 % des Landes besitzen. Von den Böden, die Großgrundbesitzern oder Konzernen gehören, sind etwa die Hälfte ungenutzt. Häufig sind sie nur Spekulationsobjekte.
Der MST stieg zu einer gesamtgesellschaftlich relevanten sozialen Bewegung in Brasilien auf, die den Anspruch erhebt, die Gesellschaft insgesamt verändern zu wollen. Dabei orientiert sie sich an kollektiven Aktionsformen und Lösungen (zum Beispiel Genossenschaften), will die Bedeutung der Arbeit über die des Kapitals stellen und kämpft für soziale Gerechtigkeit und gegen die Diskriminierung der Frauen. Ihre Aktionen folgen dem Prinzip der Gewaltlosigkeit. Die Ideale der Landlosenbewegung sind denen der Befreiungstheologie nahe.
Popularität verschafft sich die MST vor allem auch durch Aktionismus. Dazu gehören
Landbesetzungen von brachliegendem Land oder Land, auf welchem schlecht gewirtschaftet wird, wobei immer wieder die Forderung zur Enteignung durch den Staat erhoben wird. Daneben werden auch Ländereien besonderer Bedeutung besetzt, wie der Besitz des Präsidenten Cardoso im Jahre 1999; dies, um Aufmerksamkeit zu erregen. Bei den Landbesetzungen, den sogenannten acampamentos, werden (rechtswidrig) ein paar Familien (250-500) auf dem besetzten Land angesiedelt, die im Rahmen einer Produktionsgemeinschaft die Produktionsmittel gemeinsam verwalten und Schulungen erhalten, um eine effiziente Produktion aufzubauen. Dabei wird immer die Wichtigkeit der Kollektivität gegenüber dem Individuum betont.
Großkundgebungen (wie zum Beispiel 1997 Sternmarsch auf Brasília mit 40.000 Teilnehmern), Hungermärsche, Blutspendeaktionen usw.
Bis Ende der 1990er Jahre konnte die MST für ca. 350.000 Familien Land erkämpfen. Verglichen mit den geschätzten 4,5 Millionen landlosen Familien ist dies jedoch eher wenig. Mitte der 2000er Jahre ist die MST in 23 der 26 Bundesstaaten Brasiliens aktiv und betreut rund 1,5 Millionen Landlose.
(Der Text ist aus Wikipedia und gekuerzt.)
Alles ueber die Bewegung war schon wieder aus meinen Gedanken verschwunden, als ich in Bolivien die Brasilianerin Angela traf und eine Woche mit ihr verbrachte. Sie studierte Journalistik, moechte in diesem Beruf fuer die Medien in Brasilien aufgrund des Drucks und der starken staatlichen Vorgaben und Kontrollen jedoch nicht arbeiten. Mit einer Ausnahme: Sie wuerde fuer den MST arbeiten, erzaehlte sie mir, und zwar in deren PR-Abteilung, die unter anderem eine eigene Zeitung fuer Anhaenger der Bewegung und die Arbeiter erstellt.
Der MST hat grundsaetzlich mit der harten, staatlich kontrollierten Presse zu kaempfen. Der MST ist in den Koepfen als gewalttaetige Organisation, die viele Attentate, Aufstaende und Menschenleben auf dem Gewissen hat, verfestigt.
Das Gegenteil ist der Fall: Die Attentate und blutigen offenen Auseinandersetzungen auf den Feldern gehen (laut MST) vom Militaer, Staat und privaten Milizen aus.
Angela sagte, dass sie, wuerde sie tatsaechlich fuer den MST beginnen zu arbeiten, danach keine Anstellung mehr in anderen Firmen finden koennte.
Das war also mein erster indirekter Kontakt mit dem MST.
Auf dem letzten Amazonasboot bildete sich eine Riesengruppe Backpacker aus vielen verschiedenen Nationen, unter anderem auch Brasilien, Argentinien und Kolumbien. Wir verbrachten alle zusammen die naechsten beiden Tage in Belem. Der 26-jaehrige Brasilianer (mit dem ich auch auf dem Ver-o-Peso-Markt war) entpuppte sich als Produzent von Filmen fuer den MST. Er arbeitet nicht auf Anstellungsbasis, sondern als Freiwilliger fuer die Bewegung.
Er erstellt regelmaessig zwei Arten von Filmen: Aufklaerungsfilme fuer Arbeiter ohne Boden, die bisher noch nicht mit dem MST arbeiten und denen in kleinen Veranstaltungen die Moeglichkeiten dargelegt werden.
Und PR-Filme ueber den MST, die zur Aufklaerung der Oeffentlichkeit und Bekaempfung der Vorurteile und falschen Informationen dienen.
Wir unterhielten uns lange ueber seine Arbeit und die generelle Situation in Brasilien.
Er erklaerte mir, dass es in Brasilien ein Gesetz gaebe, welches den Staat dazu verpflichten wuerde, den Grossgrundbesitzern ihr Land zu nehmen, wenn diese es nicht sinnvoll (landwirtschaftlich) nutzen wuerden, und es unter den Besitzlosen in Parzellen aufzuteilen.
Diesem Gesetz gehe der Staat ueberhaupt nicht nach.
Das Drahtseil, auf dem sich der MST befindet, ist also gespannt zwischen der eigenhaendigen Durchfuehrung des Gesetzes, wie es der Staat selbst erlassen hat, und der Rechtswidrigkeit eben dieser Landbesetzungen, die dafuer notwendig sind.
Im Hostel unterhielt ich mich mit dem Hollaender Paul darueber, der mir direkt erzaehlte, er haette in Venezuela eine Mitarbeiterin des MST getroffen. Wow, diese Menschen und Geschichten sind ploetzlich scheinbar ueberall!
Pauls Gespraechspartnerin war dabei, das Programm auf Venezuela auszuweiten und Landarbeitern dort zu mehr Recht (und Nahrung) zu verhelfen. Waehrend die Brasilianer laut Ihrer Aussage "wie die Loewen um jedes einzelne Stueck Land kaempfen" wuerden, waeren Venezuelaner eher emotionslos bei der Sache. Zu jeder Kommune, die auf einem besetzten Stueck Land ein neues Leben beginnt, gehoert, im Kollektiv alles zu teilen. Wenn sie vorschlug, dass sie sich jetzt einmal zusammensetzen sollten, da die Kommune sicherlich eigene Regeln innerhalb dieser neue Form des Lebens aufstellen moechte, eigene Ideen einbringen moechte, wurde ihr Vorschlag mit einem "Mhm, kannst du die Regeln nicht auch einfach gleich fuer uns aufstellen?" beantwortet.
Das ist nur eine kleine "Anekdote", die mir da erzaehlt wurde, aber ich fand sie irgendwie interessant, sonderbar, was auch immer.
Und grundsaetzlich finde ich alles ueber die Bewegung hoechstinteressant und hoffe, auch weiterhin viele so interessante Menschen, die mir kleine Einblicke geben koennen, zu treffen.
Hoffe, es hat euch auch interessiert:). Und wenn, dann solltet ihr euch definitiv einmal das Buch "Hoffnungstraeger" anschaffen! Ist nicht besonders oeko, keine Angst, ist auch nicht langweilig oder total weltverbesserisch. Sondern wirklich interessant!
Wuensche dir einen schoenen Tag mit Sonne, wenn nicht draussen dann von innen, lass dich nicht aergern und geniess deine Pausen mit viel Liebestee!
Fuer Alle...Kleine Botschaft an Rainer aus der Kirchhoff Werbeagentur, der mir gerade schrieb, dass mein Blog die Startseite seines Browsers ist...schoen, ne!
Donnerstag, Januar 25, 2007
Das Paradies und Mein erster Caiprinha
Von Santarém nach Belém
"Das seltsamste an diesen Schiffsreisen ist, dass nicht dieses verrueckte Leben und Verhalten oder die Anderen hier fremd sind, sondern das einzige Fremde in dem Ganzen ICH bin!"
Zitat eines chilenischen Mitreisenden, fuer mich das wahrste, was man ueber das Leben an Bord (und Reisen allgemein!) sagen kann.
Definitiv die seltsamste Erfahrung, die ich an Bord gemacht habe, war, alle Beruehrungsaengste und normalen "Sicherheitsabstaende", die ja jeder Mensch natuerlicherweise hat, vergessen zu muessen. (Ich wollte es euch ersparen, "ueber Bord zu werfen" zu schreiben, nachdem mich Henning nach meinem letzten Post wegen meiner "Kalauer" aufgezogen hat)
Irgendeine gewisse Zentimeteranzahl wird doch als des Menschen natuerlicher intimen Grenze angenommen, wird diese von anderen ueberschritten, empfindet man es als sehr unangenehm und weicht man automatisch zurueck. Es gibt Menschen, die haben kein Gespuer dafuer, anscheinend liegt deren Grenze weit unter dem Durchschnitt, und ich zum Beispiel empfinde es als sehr unangenehm wenn mir jemand fremdes "zu nah kommt". Ob das auch ein bisschen an norddeutscher Kuehle liegt?
An Bord jedenfalls kann man das mal schnell vergessen! Wer nicht schlafen kann, wenn die Haengematte zwischen drei bis 5 anderen Matten eingeengt haengt (gerne auch mal unter oder ueber der eigenen) und sich im Schlaf staendig fremde Koerper beruehren, vom Schaukeln und Herumhampeln im Schlaf aneinandergestossen werden, alle aufwachen nur weil einer wach ist... der muss entweder fuer eine teure Kabine zahlen oder schlaeft tagelang gar nicht!
So viele Menschen leben auf engstem Raum, beschaeftigen sich den lieben langen Tag mit irgendetwas, leben so vor sich hin, haengen in der Matte ab, und es scheint, als wuerde es niemand wirklich seltsam finden oder ueberhaupt mal darueber nachdenken, wie das alles eigentlich funktioniert. Jeder fuegt sich in den grossen Cluster mit gemeinsamem Ziel. Ist das nicht harmonisch?
Chaos, aber es funktioniert. Oder: Chaos, und es funktioniert!
Ein kleines Maedchen geniesst ihre Kakaofrucht. Die vielen Kakaobohnen werden von einer weissen, schleimigen Masse beschuetzt, die als Frucht gelutscht wird.
Sie bemerkt, dass ich sie fotografiere...
...und faengt mit ihrer Frucht an zu tanzen und fuer die Kamera zu posieren.
Maedchen sind wie kleine Ladys. Sie wirken alle aelter, als sie wahrscheinlich sind, sind jeden Tag voll gestylt, kokettieren mit den Jungs und tanzen Samba wie die Grossen.
Sonnenuntergang auf dem Amazonas
"Die bunte Kleidung vor den Haeusern liess uns glauben, wir haetten jeden Tag ein Fest."
Belém. Die letzte Station meiner Amazonasfahrt
Auf dem grossen Ver-o-Peso-Markt in Belém. Ver o peso ist portugiesisch und bedeutet "Schau auf das Gewicht", was die richtige Bezeichung fuer einen Markt ist, auf dem vieles (Nahrungsmittel) nach Gewicht verkauft wird.Dieses farbige Wasser wird aus Kraeuterauszuegen gewonnen und mit Farbstoffen versetzt. Aus einem alten mystischen Glauben der Amazonasbevoelkerung helfen die Mixturen bei Wehwehchen und Problemen jeder Art. Man giesst es sich beim Duschen ueber den Koerper und schafft so Abhilfe gegen Neid, boese Blicke, unglueckliche Liebe, Verwuenschungen, negative Gedanken und und und.
Ich war mit einem Brasilianer auf dem Markt unterwegs, der mir praktischerweise alles uebersetzen konnte. Er dreht verrueckte Videos von seinen Reisen, und ich hantierte mit meiner Kamera. Eigentlich durften wir das nicht, wie die nette Dame uns spaeter erklaerte. Grund: Das Patent fuer diese lang ueberlieferten Heilmittel der Amazonaskultur liegt nun bei einer europaeischen Firma. Unverschaemt genug, dass auf Naturheilmittel, Pflanzen und alten Mythen von Naturvoelkern ueberhaupt Patente erhoben werden duerfen. Herstellerinnen und Verkaeuferinnen muessen nun Gebuehren zahlen, wenn sie die Rezepte nutzen, die ihr Volk seit ewigen Jahren nutzt. Es ist ihnen verboten, die Flaschen und Inhalte filmen oder fotografieren zu lassen.
Belém hat schoene Ecken, die aber inmitten der dreckigen, verrueckten, chaotischen und gefaehrlichen Stadt eher schwer auszumachen sind.
Ilha do Marajó
Henning startete seine Reise 2005 in Brasilien. Nach einigen Wochen war er am Amazonas angelangt und sagte mir am Telefon, er wuerde nun die Bootsfahrt ueber den Amazonas starten und sich in ungefaehr 5 Tagen wieder aus der ersten Stadt melden. Ich und seine Familie warteten und warteten...ich weiss jetzt nicht mehr, wie lange, aber damals kam es uns ewig vor. Mit Null Reiseerfahrung hatte ich absolut keine Vorstellung davon, wie eine Rucksackreise ablaeuft und was passieren kann, so dass ich mir die verruecktesten Gedanken ueber Un- und Ueberfaelle auf dem Boot usw. machte.
Die beiden relaxten in der Zeit in einem der schoensten Paradiese, die sie auf ihrer Reise kennenlernen sollten. Ungeplant kamen sie zur Ilha do Marajó, ungeplant blieben sie dort einfach kleben und vergassen scheinbar die moderne Aussenwelt.
Ein Muss war fuer mich daher der Besuch dieses Ortes. Und jetzt kann ich definitiv verstehen, was die beiden damals so fasziniert hat.
Schon der Anruf bei Bernd, einem Deutschen mit Pousada in Soure, der groessten "Stadt" auf der Insel, weckte grosse Vorfreude. Bernd hatte schon Henning und Benni beherbergt und erinnerte sich schon an die beiden, ehe ich die Namen vollstaendig ausgesprochen hatte: "Ja klar, die beiden Jungs waren geil, das hat so einen Spass gemacht, ja, komm her, toll dass du hier bist!!!"
Genauso ueberschwenglich wurde ich am naechsten Tag begruesst. Ich kam erst abends an, hatte mich eigentlich fuer morgens angekuendigt. Ich sagte nicht ab, da ich mit der brasilianischen Leichtigkeit (und Unpuenktlichkeit) rechnete, Bernd machte sich Sorgen, da er an die deutsche Puenktlichkeit dachte. Falsch gedacht bei mir! Am Abend zuvor wurde ich von einem Liter Milch und vielen Acerola-Kirschen (der Frucht mit dem hoechsten Vitamin-C-Gehalt ueberhaupt, sehr sauer) in meinem Magen komplett aus den Socken gehauen und hatte eine extrem schlaflose Nacht mit viel Uebergeben. Ich weiss, ich weiss....
Dies ist das kleine Haeuschen, in dem ich 5 Naechte lang wohnte. Mit eigener Kueche und eigenem Garten. Die Familie wohnt auf der anderen Seite der Strasse.
Die Insel ist ein kleines Naturparadies. Klein im Vergleich zu dem gesamten Naturparadies Brasilien, gross, wenn man bedenkt, dass sie etwas groesser ist als die Schweiz! Hui, von Wikipedia lern ich gerade, dass es die groesste Flussinsel der Welt ist!
Das Leben ist wie etwas zurueckgeblieben - kein Internet, Fahrraeder stechen die wenigen Autos aus, das meiste wird mit Bueffelkarren transportiert. Die Insel ist bekannt fuer ihre Bueffelpolizei, Bueffelfleisch und Bueffelkaese (sehr lecker!).
Auch fuer diese knallroten Guarás ist die Insel bekannt: Dieser Schwarm flog direkt ueber mich hinweg.
Mit Gesellschaft. "Chico" sprang in die schaukelnde Haengematte.
Papaya-Baum in Bernds Garten
Bernd gibt Pflanzanweisungen auf seinem Wochenendgrundstueck (10 Minuten vom Haupthaus entfernt...fuer viele waere dieses allein ja schon ein Paradies fuer Woche und Wochenende)
Neue Obstbaeume werden gepflanzt.
Wasserbueffel auf dem Wochenendgrundstueck
Ueber eine Holzbruecke spazierte ich durch einen Mangrovenwald zu einem kleinen Strand. Erst, als ich wieder ging, fiel mir ein, dass dies mein erster Blick auf den Atlantik von dieser Seite der Welt aus war.

Blattschneideameisen zerlegen fleissig den Baum im Hintergrund
São Luis ist die erste wirklich schoene Stadt, die ich in Brasilien kennenlerne. Essoll das Raeggae-Kapital Brasiliens sein, die Stadt vermittelt, ob nun wegen dieses Fakts oder nicht, insgesamt ein total chilliges Gefuehl.Mit einer Australierin, die ich im Bus kennen lernte, verbrachte ich den Tag mit Herumschlendern durch die Stadt und Anschauen der vielen kleinen Museen und Ausstellungen. Bemerkenswert gute Organisation: Museen sind meistens umsonst, und die Stadt ist mit vielen verschiedenen Plantafeln fuer Touristen ausgeschildert.
Abends gab es uebrigens in vielen verschiedenen kleinen Strassencafés meine ersten brasilianischen Caipirinhas! Nachdem ich tagsueber feststellen durfte, dass eine Flasche Pitú fuer tatsaechlich nur lasche 3 Reais zu erwerben ist...das ist 1 Euro...
Ueber 200 Haeuser sind bereits mit Geldern der UNESCO restauriert. Viel Arbeit liegt noch vor ihnen. Interessanter waren fuer mich trotzdem meistens die noch unrestaurierten alten Schabracken und die Vorstellung, wie sie wohl einmal ausgesehen haben. Ob wohl jemand mit diesem Baum in einer Wohnung lebt?Donnerstag, Januar 11, 2007
Eine Bootsfahrt, die ist lustig, und die andere nicht
Endlich in Brasilien angekommen! Waehrend der letzten Monate in Peru habe ich immer deutlicher gemerkt, dass ich einen totalen Tapetenwechsel brauche. Peru ist schoen und ich habe mich sehr wohl gefuehlt, was ich gerade an dem Gefuehl, von Bolivien wieder "nach Hause" zu kommen, gemerkt habe. Die peruanische Waehrung Soles kam mir so vertraut wie wahrscheinlich nach so langer Zeit nicht einmal mehr der Euro vor. Gerade den Norden Perus mit all den netten, offenen Menschen fand ich schoen - aber das konnte mich auch nicht ueber das Gefuehl bringen, dass ich halt immer noch in Peru bin und einfach mal, dringend, ein anderes Land ohne Anden brauche!
Dies ist nicht unser Boot, aber unseres hatte die gleiche Groesse und Ausstattung.Mit dem Schnellboot in Begleitung der Kanadier Ali und Tom ging es von Iquitos in 10 Stunden nach Tabatinga am Dreilaenderdreieck. Die Grenzen Kolumbiens, Perus und Brasiliens stossen hier zusammen: Tabatinga ist bereits in Brasilien. Unterwegs lernten wir ein argentinisches Paerchen, Sergio und Paula, kennen. Von Tabatinga aus fahren Boote ueber den Amazonas bis nach Manaus, Santarem und Belen. Da es in diese Richtung stromaufwaerts geht, ist die erste Etappe nach Manaus mit 3 Naechten und 4 Tagen relativ schnell erreicht. Die Nacht verbrachten wir bereits auf dem Boot, obwohl dieses erst am naechsten Tag ablegen sollte - wir wollten uns doch einen guten Haengemattenplatz sichern! Meinen Rucksack kettete ich mir ans Bein:), schliesslich muss man gut Acht geben auf sein Haeuschen! Die naechsten Naechte verzichtete ich zu Gunsten hoeheren Schlafkomforts lieber darauf, kettete ihn aber an einen Stahlpfeiler neben meiner Haengematte.

Und das, meine Lieben mit Klaustrophobie, ist unser Schlafplatz fuer 3 Naechte gewesen! Wir 5 und ein Israeli, der neu hinzukam, hatten einen gemuetlichen Bereich in der Mitte des Botes, umzingelt von beiden Seiten durch zwei weitere Reihen Haengematten, erkaempft. Dort konnten wir unsere Sachen sicher lagern, es war meistens einer von uns bei den Rucksaecken, denn auf den Booten wird oefter mal gestohlen. Viel Platz gab es nicht...ich habe leider vergessen die Haengematten auf dem Boot zu zaehlen, aber da jeder 70 Dollar bezahlte, kam da schon eine huebsche Summe zusammen!
Nachts legten wir in den vielen kleinen Gemeinden am Amazonas mehrere Stops ein, um neue Passagiere einzusammeln oder einige abzusetzen. Das Gerumpel und Gekrache sind keine Geraeusche, an die man sich gewoehnt und einfach friedlich weiterschlaeft! Fruehstueck gab es bereits um 5:45, wahrscheinlich, weil so viele so frueh schon wach waren, und die anderen Mahlzeiten dementsprechend ebenso verfrueht: Mittag um 11:00 und Abendessen um 16:00. Nudeln, Reis und Haehnchen, in Ordnung, vor allem sauber! Frueh wurden ebenfalls die Lichter ausgemacht und entweder wurde dann mit der Taschenlampe weitergelesen oder oben auf der Terrasse Karten gespielt und leckeres, kaltes, brasilianisches Bierchen getrunken.
Fuer Kinder ist alles so viel einfacher. Oder: Kinder machen es sich einfacher und besser. Total sorglos, gluecklich und friedlich tobten sie ueber das Boot, robbten auf dem Boden herum, und genossen ihre Zeit. Und wenn wir erst 10 Tage spaeter angekommen waeren, waere das auch kein Problem gewesen. Hier eine US-amerikanische Tochter eines Missionarehepaares und eine Brasilianerin.
Aus Solidaritaet zu den Armen, mit denen sie arbeiten, und aus der Ueberzeugung, sie nur dann wirklich verstehen zu koennen, wenn sie selbst so leben, wohnen Silvia und ihre Gemeinschaft in diesem Armenviertel in der Stadt. Alle Haeuser sind auf Stelzen gebaut und ueber die Holzbruecken miteinander verbunden, da die Regenzeit den Fluss nebenan zum Ueberlaufen bringt. Das Haus der 5 Frauen liegt neben dem der Maenner der Organisation am Ende der gesamten Siedlung. Jedesmal beim Kommen oder Verlassen des Hauses muss also das gesamte kleine Viertel durchquert werden, was nicht einfach ist. Natuerlich sind die Haeuser der Gemeinschaft vergleichsweise besser eingerichtet als die der Nachbarn - also zum Beispiel mit Kuehlschrank. Ausserdem ist das Geld da, mehr und bessere Lebensmittel zu kaufen. Jeden Tag mit vollen Einkaufstueten wiederzukommen und diese dem gesamten Viertel vor die Nase zu halten, bevor man im Haus verschwindet und alles lecker duftend verputzt, ist aber auch nicht das Wahre. Fuer alle ist es schwierig, den richtigen Kompromiss zwischen gesundem Leben und Solidaritaet zu finden.
In diesem kleinen Nachbarhaeuschen leben 4 Personen. Es wurde in 4 Tagen fertiggestellt. (Nicht, dass euch dieser Fakt jetzt verwundern duerfte...)
Der Blick aus dem Kuechenfenster.
Kleine schelmische Nachbarjungs, die gar nicht genug davon bekommen konnten, die neue Gringa durch das Fenster zu beobachten. Kindheit in Armenvierteln ist natuerlich oft gepraegt von Gewalt, Armut, Sorgen, Drogen. Das sind die Gedanken, mit denen ich in dieses Viertel kam. Was ich sah, waren friedliche, freundliche, neugierige Menschen, die den lieben langen Tag Musik aus ihren Haeusern schallen lassen, tanzen, lachen, und froehliche Kinder, die auf den Holzwegen herumtoben. Damit ist nicht mein erster Satz wiederlegt. Es zeigte mir aber eine "andere" Realitaet, die neben der gewaltsamen exisitieren kann. Die Vorstellung einer Kindheit in der Mittel- und Oberschicht in Suedamerika ruft in mir traurige Bilder hervor, seit ich nach Peru gekommen bin und etwas mehr ueber die Verhaeltnisse kennen gelernt habe. Eingesperrt hinter Mauern im Haus, nicht unbesorgt auf der Strasse spielen koennen so wie wir frueher, nicht mit dem Fahrrad oder Rollschuhen unterwegs zu Freunden sein. So wie meine Gastfamilie mich am liebsten im Haus eingesperrt haette (stattdessen haben sie mich oefter mal ausgesperrt:), denn ich hatte ja keinen Schluessel), weil "draussen alles soooo peligroso, gefaehrlich, ist" (das hoert man mehrmals taeglich, egal, was man vorhat), sperren sie ihre Kinder wirklich ein. Oft habe ich den Gedanken, dass Kinder wohlhabender Familien hier viel naiver, besorgter, unrealistischer aufwachsen als wir - obwohl sie mehr von Korruption, Gewalt und Armut sehen, und wir so unbesorgt aufwachsen, wir dafuer aber FREIER erzogen werden, selbststaendiger sind und freier denken.
Der Hauseingang mit Waschbereich.
Die Kueche. Ist doch ziemlich nett, oder? Eines Abends waehrend der drei Naechte, die ich hier verbrachte, war ich allein zuhause. Ich fuehlte mich erst unwohl, hatte den Gedanken, als wohlhabende Gringa ganz allein in einem (sehr einbruchUNsicheren!) Haus in einem Armenviertel und ziemlich schutzlos zu sein. Relativ schnell beruhigte ich mich und fuehlte mich letztendlich wieder richtig wohl, sass in der Kueche, trank Tee und las. Die Menschen hier sind laut der Gemeinschaft so friedlich und nett, man lebt in einer grossen Familie. Wenn etwas passieren wuerde, dann nur von Menschen, die von ausserhalb kommen. Und die wuerden wohl eher im Zentrum ihr Glueck versuchen, wo mehr Geld herumlaeuft!
Alle Materialien - nur die teuersten und besten - sind, ausgenommen des Holzes, extra aus Europa und Asien importiert. Das Holz wurde aus den Waeldern Brasiliens entnommen, dafuer aber zur speziellen Verarbeitung nach Europa verschifft und anschliessend wieder eingefuehrt.
Dieses Bild ist krumm und schief, was nicht anders ging, da ich meine Kamera wegen der extralangen Belichtungszeit auf das Gelaender stellen und mit Selbstausloeser fotografieren musste. Im Nachhinein finde ich es aber ganz passend zum Theater, dessen Geschichte ja auch kein perfektes Bild im Gedaechtnis Brasiliens zurueckliess.
Dies soll der Eiffelturm von unten sein.
In diesem Gelaender wird die Kaffeebluete als Zeichen des Wohlstands verewigt. Wohlstand hat sie zweifelslos gebracht - fuer die kleinste und oberste Schicht der Gesellschaft.Mein zweiter Bootstrip: Von Manaus nach Santarem

Der Amazonas ist an einigen Stellen bis zu 3 km breit. Wir fuhren in der Mitte, um die Stroemung zu nutzen, konnten trotzdem immer beide Seiten, wenn auch weit weg, sehen.
Hier kommen zwei unterschiedliche Fluesse des Amazonas zusammen. Aus dem Rio Negro kommt das schwarze Wasser. Die Farben mischen sich scheinbar ueberhaupt nicht, es wirkt so, als wuerden zwei Fluessigkeiten ueber lange Distanz einfach nebeneinander herfliessen.
...und dieses Farbenspiel ist Licht und Schatten durch die Wolken, die die Sonne verdecken

Die Nacht auf diesem Boot endete unglaublich schlaflos und eng. Aber gottseidank endete sie! Ich hatte mit einer Haengematte zu kaempfen, die so nah direkt ueber mir hing, dass ich nicht einmal mein Bein anwinkeln konnte! Nachts wachte ich von einem Gedraenge und Geschiebe von links gegen meine Haengematte auf, und durfte feststellen, dass sich der Typ, der tagsueber lautstark Baptisten-Rock´n´Roll (ja, sowas gibt´s anscheinend!!) gehoert hatte, gerade nackt bis auf weisse Feinrip-Unterhose auf seine Freundin geschmissen hatte! Was sie vorhatten, weiss ich (natuerlich) nicht, habe es aber vorsorglich verhindert durch demonstrativ Zeigen, dass ich wach bin. Was sie trotzdem nicht am Reden, Rummachen und Rumwuehlen in der Haengematte gehindert hat.
Frueher Morgen auf dem Amazonas, die Welt erwacht...mein Becher ist gefuellt mit heissem (viel zu suessem, igitt) Kaffee, ich bin aus meiner Haengemattensituation gefluechtet und sitze hier auf einem Stuhl, auf das Wasser schauend. Die Situation wird begleitet von fruehmorgendlichem Vogelgezwitscher ... das aus den mit Kueken gefuellten grossen Holzkisten an Bord kommt.
Kurze Anekdote: Zwei sehr nette Amerikaner waren mit an Bord. Anfangs durfte ich mich von dem einen aber erstmal fragen lassen: "What do you want to do, when you grow up?"
Nicht nur, dass dieses Boot im Gegensatz zu dem vorherigen total dreckig und alt war, die Naechte in der Haengematte unglaublich eng und kalt (ich habe jetzt eine Erkaeltung in dieser tropischen Hitze!), und das Essen schlecht, nein, das Boot funktionierte noch nicht einmal!Am ersten Morgen beim Zaehneputzen sah ich gelangweilt heraus und durfte feststellen, dass ein zweites Boot der gleichen Groesse an unserem festgebunden war. "Oh, wir ziehen ein Boot mit" dachte ich. Ein sehr netter amerikanischer Mitreisender klaerte mich spaeter darueber auf, dass wir es waren, die gezogen wurden und unser Motor seit 1 Uhr nachts nicht mehr funktioniert und bisher noch nicht repariert werden konnte. Irgendwann liessen sie das grosse Boot gehen und versuchten, den Motor zu reparieren. Nach 4 Stunden lief er - fuer 20 Minuten. Das ganze ging noch einmal so, bis wir einfach so im Amazonas herumtrieben und nichts mehr ging. Als unsere Rettung in Form dieses Mini-Bootes kam, mussten wir erst einmal von der Schlammbank gezogen werden, auf die wir in der Zwischenzeit so halt- und kraftlos getrieben waren. Das erforderte einiges an Kraft, Geduld und Zeit. Letztendlich wurde unser Riesenboot von diesem Winzling bis nach Santarem gezogen!
... letztendlich bin ich heil in Santarem angekommen und habe sogar die Mitreisenden vom ersten Boot im Hostel wiedergetroffen.




