Ohne einen Flug verpasst oder die Haelfte vergessen zu haben (ich habe nichts vergessen!), rollte die Maschine mit mir auf dem Fensterplatz 19F sacht auf das Hamburger Flughafengebaeude zu.
Und mir ein kleines Traenchen aus dem Auge.
Die Landung war die sanfteteste von allen drei, die ich schon hinter mir hatte: Houston, New York, und nun Hamburg. Als die Maschine aufkam, war es trotzdem ein seltsames Gefuehl.
Ich glaube nicht, dass ich vorher wirklich realisiert habe, was das alles bedeutet. Aber sowas glaubt man ja immer, wenn man meint, irgendetwas waere "vorbei", egal, was. Und selbst in dem Moment dieses Gedankens hat man in Wirklichkeit noch nichts richtig realisiert. Und vorbei ist es auch nicht. Es geht halt immer weiter.
Ich wusste, dass Henning und meine Schwester drinnen auf mich warten, und es war eine ungewohnte und unglaubliche Vorstellung, ihnen ploetzlich auch physisch so nah zu sein.
Dass die Begruessung schoen war, muss ich ja nicht zu erzaehlen... Wir gingen Fruehstuecken in einer Baeckerei (juhu!) und brachten meine Schwester spaeter nach Hause - sie musste ja arbeiten in der Agentur.
Henning und ich verbrachten den Tag in seiner Wohnung und an der Alster. Passenderweise kam scheinbar mit mir die Sonne in Norddeutschland an (meine Oma erzaehlte mir gestern, sie haette fuer Sonne fuer mich gebetet, da sie nicht wollte, dass ich einen Temperaturschock nach der brasilianischen Sonne bekomme, da habt ihrs!). Nach genau diesem Wetter hatte ich mich gesehnt. Frische Luft, die in Norddeutschland die schoenste der Welt ist, mit viel Sauerstoff, gleichzeitig Fruehlings- und Winterduft und Sonne auf der Haut.
Ich mag und brauche alle vier Jahreszeiten. Nach Monaten mit staendigem Schweissfilm auf der Haut (bis zu 40 Grad Celsius in Brasilien) sehnte ich mich nach Kuehle... und damit meinte ich nicht mehr die Kuehlschrankatmosphaere der klimaanlagenbestueckten Banken und Einkaufscenter.
Das Hamburger Wetter war perfekt!
Dienstag habe ich mich auf den Weg nach Nordenham gemacht, um meine Eltern zu begruessen und in diesen Tagen auch Omas und Opa zu sehen (und mich arbeitslos zu melden;)).
Der Wohnzimmerfussboden sieht heute, Mittwoch, immer noch so aus wie gestern nachmittag und vorgestern Hennings Fussboden. Geschenke wurden verteilt und alle meine Sachen ausgeraeumt und akribisch erklaert woher es kommt und was es damit auf sich hat.
Ich hatte meinen Rucksack sowie eine weitere grosse Tasche mit je 16 kg, da man bei einem Flug ueber die USA zwei Gepaeckstuecke mit je 23 kg transportieren darf.
Beides wurde nach den strengen Sicherheitsrichtlinien auch gleich 2 mal durchsucht... das erste Mal in Lima vor dem Abflug. Ich war dabei, als der Sicherheitsbeamte alle meine Dinge auspackte und ueberpruefte und gab mir Muehe, richtig nett mit ihm zu schnacken... ich hatte schliesslich einige zweifelhafte Dinge. Schalen aus Kokos, ein pflanzliches Pulver namens Guarana aus dem Amazonas und viele Samen aus dem Amazonas! Die Samen sind nicht unbedingt als solche erkennbar, sie sind zum Teil auch gefaerbt, und ich habe sie nicht zum Anpflanzen, sondern zum Schmuck draus basteln...Schmuck mit Holz, Perlen und Samen wird in Brasilien ueberall von den Artesanias, den Kunsthandwerkern, hergestellt.
Gluecklicherweise hat er das alles nicht richtig gemerkt und auch die Tonmaske fuer Henning durchgehen lassen.
Die zweite Durchsuchung fand in den USA hinter den Kulissen statt, ich hatte zuhause nur einen Zettel mit der Nachricht drauf drin liegen.
Tja, und wie fuehlt es sich so an, zuhause zu sein?
Wie ich schon schrieb, freute ich mich auf "nach zuhause fliegen" wie auf eine neue, spannende Reise. Und genau das ist es auch.
Ich muss ja nicht erst sagen, dass es das schoenste und aufregendste ist, alle lieben Menschen wiederzusehen, deshalb lasse ich das jetzt mal aus.
Spannend und witzig ist, wie ich in bestimmten Situationen denke und unbewusst reagiere, und all die Kleinigkeiten, die mir komisch vorkommen oder die ich total vergessen hatte.
Zum Beispiel:
Nachdem ich alle meine Habseligkeiten schoen auf Hennings Fussboden verstreut hatte, beschlossen wir, an die Alster zu fahren. Vor Verlassen der Wohnung schoss mir kurz ein "Ach nee, musst noch schnell alles wieder zusammenpacken, sonst wird noch was geklaut!". Das kommt aus den Hosteldormitorios, geteilte Zimmer mit 4 bis manchmal 20 Betten. Das gleiche passierte wieder, als ich mit meinen Eltern das Haus auf dem Weg zum Restaurant verliess.
Beim Herumfahren durch Hamburg kamen mir alle Leute als Touristen vor, sah ich eine Gruppe mit blonden Maedels irgendwo laufen, war direkt dieses "Oh, auch Gringas!" in meinem Kopf. Man spotet ja immer automatisch alle Backpacker irgendwo in einer Menge als Gleichgesinnte heraus, wenn man ansonsten nur von Einheimischen umgeben ist.
Ich habe auch seit 10 Monaten kein benutztes Toilettenpapier mehr in die Toilette geworfen, sondern in einen extra dafuer bereit gestellten Muelleimer. So laeuft es dort, egal, in welchem Land, da die Abflussrohre so schmal sind. "Ekelig", denkt ihr jetzt wahrscheinlich, aber man gewoehnt sich daran, und schliesslich ist es immer noch besser als in Asien, wo gar kein Klopapier benutzt wird, sondern nur ein Schlauch aus der Wand haengt zum Abspritzen mit Wasser...
Hier ist es nun jedesmal eine kleine Ueberwindung, wenn vor meinem Kopf automatisch ein imaginaeres "VERBOTEN!!!"-Schild erscheint...
Haeuser sind, wie alles andere, hier auch so vernuenftig von aussen wie von innen, und zwar ALLE, unabhaengig vom Viertel, ausserhalb der Stadt, im Zentrum... In Suedamerika werden die allermeisten Haeuser nur von vorne verputzt, die Seitenwaende sowie Rueckansicht bleiben unverschoent mit Steinen und unsorgfaeltig dazwischen geklatschten Zement. Sind ja auch "unnoetige" Kosten. In Deutschland ist alles sauber, rein und vernuenftig und hat so seine Bahnen.
Keine Frage, eine Sache des Wohlstands.
Vieles, so wie dieses, faellt mir jetzt besonders auf - vielleicht noch staerker, als mir in Suedamerika das Gegenteil aufgefallen ist. Vielleicht, weil das hier mein normales Leben und meine Herkunft ist, und ich das, was immer normal fuer mich war, jetzt in ganz anderem Licht sehe. Suedamerika war nie "normal" und gewohnt fuer mich. Ich musste mich einfach ausnahmslos an alles gewoehnen. Vielleicht ist es manchmal leichter und geschieht unueberlegter, automatischer, etwas komplett Neues anzunehmen als Bekanntes mit einem neuen Hintergrund zu betrachten.
Und:
Warum sind deutsche Lichtschalter so riiiesengross und quadratisch? Ist das etwa schoen???
Oh, diese Liste koennte lang werden!
Ihr koennt sie ja bei mir anfordern, wenn ihr interessiert seid:).
Sonst erzaehl ich euch auch alles gern persoenlich.
Bis bald!
So weit so gut
07. 03. 2010 Köln, Hamburg, Köln, Hamburg, Köln, Hamburg, Köln, Hamburg...
Mittwoch, März 14, 2007
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