Endlich in Brasilien angekommen! Waehrend der letzten Monate in Peru habe ich immer deutlicher gemerkt, dass ich einen totalen Tapetenwechsel brauche. Peru ist schoen und ich habe mich sehr wohl gefuehlt, was ich gerade an dem Gefuehl, von Bolivien wieder "nach Hause" zu kommen, gemerkt habe. Die peruanische Waehrung Soles kam mir so vertraut wie wahrscheinlich nach so langer Zeit nicht einmal mehr der Euro vor. Gerade den Norden Perus mit all den netten, offenen Menschen fand ich schoen - aber das konnte mich auch nicht ueber das Gefuehl bringen, dass ich halt immer noch in Peru bin und einfach mal, dringend, ein anderes Land ohne Anden brauche! Zeitweise habe ich mich sogar zum allerersten Mal waehrend dieser langen Reise gefragt, ob ich nicht eigentlich nur nach Hause moechte und zu feige bin, um mir mein Heimweh einzugestehen.
Abwechslung, tropischer Jungle, war da genau das richtige, und deshalb habe ich die Zeit in Iquitos umso mehr genossen. Und jetzt bin ich schon in BRASILIEN, und darueber freue ich mich richtig.
Meine erste Bootsfahrt: Von Tabatinga nach Manaus
Dies ist nicht unser Boot, aber unseres hatte die gleiche Groesse und Ausstattung.Mit dem Schnellboot in Begleitung der Kanadier Ali und Tom ging es von Iquitos in 10 Stunden nach Tabatinga am Dreilaenderdreieck. Die Grenzen Kolumbiens, Perus und Brasiliens stossen hier zusammen: Tabatinga ist bereits in Brasilien. Unterwegs lernten wir ein argentinisches Paerchen, Sergio und Paula, kennen. Von Tabatinga aus fahren Boote ueber den Amazonas bis nach Manaus, Santarem und Belen. Da es in diese Richtung stromaufwaerts geht, ist die erste Etappe nach Manaus mit 3 Naechten und 4 Tagen relativ schnell erreicht. Die Nacht verbrachten wir bereits auf dem Boot, obwohl dieses erst am naechsten Tag ablegen sollte - wir wollten uns doch einen guten Haengemattenplatz sichern! Meinen Rucksack kettete ich mir ans Bein:), schliesslich muss man gut Acht geben auf sein Haeuschen! Die naechsten Naechte verzichtete ich zu Gunsten hoeheren Schlafkomforts lieber darauf, kettete ihn aber an einen Stahlpfeiler neben meiner Haengematte.

Und das, meine Lieben mit Klaustrophobie, ist unser Schlafplatz fuer 3 Naechte gewesen! Wir 5 und ein Israeli, der neu hinzukam, hatten einen gemuetlichen Bereich in der Mitte des Botes, umzingelt von beiden Seiten durch zwei weitere Reihen Haengematten, erkaempft. Dort konnten wir unsere Sachen sicher lagern, es war meistens einer von uns bei den Rucksaecken, denn auf den Booten wird oefter mal gestohlen. Viel Platz gab es nicht...ich habe leider vergessen die Haengematten auf dem Boot zu zaehlen, aber da jeder 70 Dollar bezahlte, kam da schon eine huebsche Summe zusammen!
RAUS AUS MEINER KOMFORTZONE!
Nachts legten wir in den vielen kleinen Gemeinden am Amazonas mehrere Stops ein, um neue Passagiere einzusammeln oder einige abzusetzen. Das Gerumpel und Gekrache sind keine Geraeusche, an die man sich gewoehnt und einfach friedlich weiterschlaeft! Fruehstueck gab es bereits um 5:45, wahrscheinlich, weil so viele so frueh schon wach waren, und die anderen Mahlzeiten dementsprechend ebenso verfrueht: Mittag um 11:00 und Abendessen um 16:00. Nudeln, Reis und Haehnchen, in Ordnung, vor allem sauber! Frueh wurden ebenfalls die Lichter ausgemacht und entweder wurde dann mit der Taschenlampe weitergelesen oder oben auf der Terrasse Karten gespielt und leckeres, kaltes, brasilianisches Bierchen getrunken.
Fuer Kinder ist alles so viel einfacher. Oder: Kinder machen es sich einfacher und besser. Total sorglos, gluecklich und friedlich tobten sie ueber das Boot, robbten auf dem Boden herum, und genossen ihre Zeit. Und wenn wir erst 10 Tage spaeter angekommen waeren, waere das auch kein Problem gewesen. Hier eine US-amerikanische Tochter eines Missionarehepaares und eine Brasilianerin.1. Stop: In Manaus. Leben in einer Favela, einem Armenviertel
Auf dem Boot lernte ich Silvia kennen, Oesterreicherin, die in einer Gemeinschaft in Manaus lebt und mit Indigenas aus der Stadt und den kleinen Doerfern im Amazonas arbeitet. Sie bot mir sehr nett an, waehrend meines Aufenthaltes bei ihr bleiben zu koennen, und so tat ich natuerlich! Der Reais stieg waehrend der letzten Jahre, in meinem Reisefuehrer von 2005 wird der Umrechnungskurs noch 3,04 Dollar - 1 Reais angegeben. Wir tauschten fuer 2,30 Dollar, und momentan liegt er schon bei 2,15! Das ist toll fuer die Brasilianer aber schlecht fuer mich! Eine Nacht in einem Hostel fuer 20 Reais kostet also schon fast 10 Dollar. Aus Peru und Bolivien bin ich gewohnt, dass eine Hostelnacht zwischen 2 und 5 Dollar kostet. Leben wird teuer hier in Brasilien, aber das Land wird es trotzdem wert sein!
Aus Solidaritaet zu den Armen, mit denen sie arbeiten, und aus der Ueberzeugung, sie nur dann wirklich verstehen zu koennen, wenn sie selbst so leben, wohnen Silvia und ihre Gemeinschaft in diesem Armenviertel in der Stadt. Alle Haeuser sind auf Stelzen gebaut und ueber die Holzbruecken miteinander verbunden, da die Regenzeit den Fluss nebenan zum Ueberlaufen bringt. Das Haus der 5 Frauen liegt neben dem der Maenner der Organisation am Ende der gesamten Siedlung. Jedesmal beim Kommen oder Verlassen des Hauses muss also das gesamte kleine Viertel durchquert werden, was nicht einfach ist. Natuerlich sind die Haeuser der Gemeinschaft vergleichsweise besser eingerichtet als die der Nachbarn - also zum Beispiel mit Kuehlschrank. Ausserdem ist das Geld da, mehr und bessere Lebensmittel zu kaufen. Jeden Tag mit vollen Einkaufstueten wiederzukommen und diese dem gesamten Viertel vor die Nase zu halten, bevor man im Haus verschwindet und alles lecker duftend verputzt, ist aber auch nicht das Wahre. Fuer alle ist es schwierig, den richtigen Kompromiss zwischen gesundem Leben und Solidaritaet zu finden.
In diesem kleinen Nachbarhaeuschen leben 4 Personen. Es wurde in 4 Tagen fertiggestellt. (Nicht, dass euch dieser Fakt jetzt verwundern duerfte...)
Der Blick aus dem Kuechenfenster.
Kleine schelmische Nachbarjungs, die gar nicht genug davon bekommen konnten, die neue Gringa durch das Fenster zu beobachten. Kindheit in Armenvierteln ist natuerlich oft gepraegt von Gewalt, Armut, Sorgen, Drogen. Das sind die Gedanken, mit denen ich in dieses Viertel kam. Was ich sah, waren friedliche, freundliche, neugierige Menschen, die den lieben langen Tag Musik aus ihren Haeusern schallen lassen, tanzen, lachen, und froehliche Kinder, die auf den Holzwegen herumtoben. Damit ist nicht mein erster Satz wiederlegt. Es zeigte mir aber eine "andere" Realitaet, die neben der gewaltsamen exisitieren kann. Die Vorstellung einer Kindheit in der Mittel- und Oberschicht in Suedamerika ruft in mir traurige Bilder hervor, seit ich nach Peru gekommen bin und etwas mehr ueber die Verhaeltnisse kennen gelernt habe. Eingesperrt hinter Mauern im Haus, nicht unbesorgt auf der Strasse spielen koennen so wie wir frueher, nicht mit dem Fahrrad oder Rollschuhen unterwegs zu Freunden sein. So wie meine Gastfamilie mich am liebsten im Haus eingesperrt haette (stattdessen haben sie mich oefter mal ausgesperrt:), denn ich hatte ja keinen Schluessel), weil "draussen alles soooo peligroso, gefaehrlich, ist" (das hoert man mehrmals taeglich, egal, was man vorhat), sperren sie ihre Kinder wirklich ein. Oft habe ich den Gedanken, dass Kinder wohlhabender Familien hier viel naiver, besorgter, unrealistischer aufwachsen als wir - obwohl sie mehr von Korruption, Gewalt und Armut sehen, und wir so unbesorgt aufwachsen, wir dafuer aber FREIER erzogen werden, selbststaendiger sind und freier denken.
Der Hauseingang mit Waschbereich.
Die Kueche. Ist doch ziemlich nett, oder? Eines Abends waehrend der drei Naechte, die ich hier verbrachte, war ich allein zuhause. Ich fuehlte mich erst unwohl, hatte den Gedanken, als wohlhabende Gringa ganz allein in einem (sehr einbruchUNsicheren!) Haus in einem Armenviertel und ziemlich schutzlos zu sein. Relativ schnell beruhigte ich mich und fuehlte mich letztendlich wieder richtig wohl, sass in der Kueche, trank Tee und las. Die Menschen hier sind laut der Gemeinschaft so friedlich und nett, man lebt in einer grossen Familie. Wenn etwas passieren wuerde, dann nur von Menschen, die von ausserhalb kommen. Und die wuerden wohl eher im Zentrum ihr Glueck versuchen, wo mehr Geld herumlaeuft!Das Teatro Amazonica
Mein einziges Sightseeing in Manaus, einer recht haesslichen, unspannenden Stadt, fuehrte mich, wohin wohl, natuerlich zum Teatro Amazonica. Im Internet fand ich folgenden Text: "Zur Berühmtheit der Dschungelmetropole beigetragen hat vor allem die bewegte Phase des Kautschukbooms, der bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur schnellen Reichtum, sondern auch Chaos und bizarre Relikte, wie das opulente Amazonastheater, entstehen ließ."
Sagt perfekt, was ich sagen wollte. Denn das Theater ist wunderschoen, wie ihr auf den Bildern sehen koennt (nicht von aussen, da ist es altrosa und potthaesslich), aber geschmacklos, wenn man bedenkt, auf wessen Rechnung dieser Wohlstand mal wieder entstand.
Alle Materialien - nur die teuersten und besten - sind, ausgenommen des Holzes, extra aus Europa und Asien importiert. Das Holz wurde aus den Waeldern Brasiliens entnommen, dafuer aber zur speziellen Verarbeitung nach Europa verschifft und anschliessend wieder eingefuehrt.
Dieses Bild ist krumm und schief, was nicht anders ging, da ich meine Kamera wegen der extralangen Belichtungszeit auf das Gelaender stellen und mit Selbstausloeser fotografieren musste. Im Nachhinein finde ich es aber ganz passend zum Theater, dessen Geschichte ja auch kein perfektes Bild im Gedaechtnis Brasiliens zurueckliess.
Dies soll der Eiffelturm von unten sein.
In diesem Gelaender wird die Kaffeebluete als Zeichen des Wohlstands verewigt. Wohlstand hat sie zweifelslos gebracht - fuer die kleinste und oberste Schicht der Gesellschaft.Mein zweiter Bootstrip: Von Manaus nach Santarem
36 Stunden sollte diese Fahrt dauern, wir starteten um 12 Uhr mittags und sollten gegen Mitternacht in Santarem ankommen. Ha, zu frueh geplant! Plus 40 % Verspaetung, also erst um 17 Uhr am naechsten Tag, standen wir auf santaremschen Boden. Warum, erfahrt ihr unten.

Der Amazonas ist an einigen Stellen bis zu 3 km breit. Wir fuhren in der Mitte, um die Stroemung zu nutzen, konnten trotzdem immer beide Seiten, wenn auch weit weg, sehen.
Hier kommen zwei unterschiedliche Fluesse des Amazonas zusammen. Aus dem Rio Negro kommt das schwarze Wasser. Die Farben mischen sich scheinbar ueberhaupt nicht, es wirkt so, als wuerden zwei Fluessigkeiten ueber lange Distanz einfach nebeneinander herfliessen.
...und dieses Farbenspiel ist Licht und Schatten durch die Wolken, die die Sonne verdecken
Schwarze Nacht ueber dem Amazonas

Die Nacht auf diesem Boot endete unglaublich schlaflos und eng. Aber gottseidank endete sie! Ich hatte mit einer Haengematte zu kaempfen, die so nah direkt ueber mir hing, dass ich nicht einmal mein Bein anwinkeln konnte! Nachts wachte ich von einem Gedraenge und Geschiebe von links gegen meine Haengematte auf, und durfte feststellen, dass sich der Typ, der tagsueber lautstark Baptisten-Rock´n´Roll (ja, sowas gibt´s anscheinend!!) gehoert hatte, gerade nackt bis auf weisse Feinrip-Unterhose auf seine Freundin geschmissen hatte! Was sie vorhatten, weiss ich (natuerlich) nicht, habe es aber vorsorglich verhindert durch demonstrativ Zeigen, dass ich wach bin. Was sie trotzdem nicht am Reden, Rummachen und Rumwuehlen in der Haengematte gehindert hat.
Frueher Morgen auf dem Amazonas, die Welt erwacht...mein Becher ist gefuellt mit heissem (viel zu suessem, igitt) Kaffee, ich bin aus meiner Haengemattensituation gefluechtet und sitze hier auf einem Stuhl, auf das Wasser schauend. Die Situation wird begleitet von fruehmorgendlichem Vogelgezwitscher ... das aus den mit Kueken gefuellten grossen Holzkisten an Bord kommt.
Kurze Anekdote: Zwei sehr nette Amerikaner waren mit an Bord. Anfangs durfte ich mich von dem einen aber erstmal fragen lassen: "What do you want to do, when you grow up?"Naja, ich weiss ja, dass ich jung aussehe, aber...
Nicht nur, dass dieses Boot im Gegensatz zu dem vorherigen total dreckig und alt war, die Naechte in der Haengematte unglaublich eng und kalt (ich habe jetzt eine Erkaeltung in dieser tropischen Hitze!), und das Essen schlecht, nein, das Boot funktionierte noch nicht einmal!
Am ersten Morgen beim Zaehneputzen sah ich gelangweilt heraus und durfte feststellen, dass ein zweites Boot der gleichen Groesse an unserem festgebunden war. "Oh, wir ziehen ein Boot mit" dachte ich. Ein sehr netter amerikanischer Mitreisender klaerte mich spaeter darueber auf, dass wir es waren, die gezogen wurden und unser Motor seit 1 Uhr nachts nicht mehr funktioniert und bisher noch nicht repariert werden konnte. Irgendwann liessen sie das grosse Boot gehen und versuchten, den Motor zu reparieren. Nach 4 Stunden lief er - fuer 20 Minuten. Das ganze ging noch einmal so, bis wir einfach so im Amazonas herumtrieben und nichts mehr ging. Als unsere Rettung in Form dieses Mini-Bootes kam, mussten wir erst einmal von der Schlammbank gezogen werden, auf die wir in der Zwischenzeit so halt- und kraftlos getrieben waren. Das erforderte einiges an Kraft, Geduld und Zeit. Letztendlich wurde unser Riesenboot von diesem Winzling bis nach Santarem gezogen!
Nicht nur, dass dieses Boot im Gegensatz zu dem vorherigen total dreckig und alt war, die Naechte in der Haengematte unglaublich eng und kalt (ich habe jetzt eine Erkaeltung in dieser tropischen Hitze!), und das Essen schlecht, nein, das Boot funktionierte noch nicht einmal!Am ersten Morgen beim Zaehneputzen sah ich gelangweilt heraus und durfte feststellen, dass ein zweites Boot der gleichen Groesse an unserem festgebunden war. "Oh, wir ziehen ein Boot mit" dachte ich. Ein sehr netter amerikanischer Mitreisender klaerte mich spaeter darueber auf, dass wir es waren, die gezogen wurden und unser Motor seit 1 Uhr nachts nicht mehr funktioniert und bisher noch nicht repariert werden konnte. Irgendwann liessen sie das grosse Boot gehen und versuchten, den Motor zu reparieren. Nach 4 Stunden lief er - fuer 20 Minuten. Das ganze ging noch einmal so, bis wir einfach so im Amazonas herumtrieben und nichts mehr ging. Als unsere Rettung in Form dieses Mini-Bootes kam, mussten wir erst einmal von der Schlammbank gezogen werden, auf die wir in der Zwischenzeit so halt- und kraftlos getrieben waren. Das erforderte einiges an Kraft, Geduld und Zeit. Letztendlich wurde unser Riesenboot von diesem Winzling bis nach Santarem gezogen!
Fuer mich bedeutete das eine weitere ungeplante Nacht in der Haengematte, was eigentlich recht praktisch war, sparte ich mir dadurch ja die Hostelkosten fuer eine Nacht.
Andererseits bedeutete das auch weitere 15 Stunden mit Baptisten-Rock´n´Roll!
... letztendlich bin ich heil in Santarem angekommen und habe sogar die Mitreisenden vom ersten Boot im Hostel wiedergetroffen.
... letztendlich bin ich heil in Santarem angekommen und habe sogar die Mitreisenden vom ersten Boot im Hostel wiedergetroffen.
Santarem ist auf den ersten Blick sehr nett und gemuetlich. Bald mehr!
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